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Innovative Angebote sind gefragt

Interview zum Visitationsbericht 2007 im St. Galler Tagblatt

 

 

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Interview von Markus Löliger mit Pfr. Dr. Dölf Weder, Kirchenratspräsident, im St. Galler Tagblatt vom 14. Febr. 2008

 

Kirche erleben die Menschen durch deren Wirken vor Ort. «Unsere Kirche befindet sich bezüglich Programmarbeit, Mitarbeitern und Finanzen in einer Position relativer Stärke», sagt Kirchenratspräsident Dölf Weder.

Dölf Weder, der Visitationsbericht zeichnet ein differenziertes, aber auch widersprüchliches Bild. Differenziert wird die heutige Situation der reformierten Kirche skizziert, widersprüchlich ist der Ausblick. Da heisst es einerseits, die Kirche befinde sich in einer «Position relativer Stärke», anderseits zeichnen sich dunkle Wolken am Horizont ab. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse für Sie als Kirchenratspräsident?

Dölf Weder: Der Bericht zeigt in der Einschätzung unserer Kirchgemeinden einen gewissen Optimismus. Eine negative Stimmung ist in weniger Gemeinden zu verzeichnen als vor zehn Jahren. Ein erstes Fazit: Wir befinden uns als Kirche auf einem guten Weg. Wir haben eine gemeinsam getragene Vision und stellen uns gleichzeitig der Realität. Wir müssen uns auf eine kleinere Kirche einstellen. Kirchen haben ihre Dominanz verloren. Sie sind ein Player unter mehreren in der Gesellschaft.

Sorgen bereiten sinkende Mitgliederzahlen. Veränderte Familienverhältnisse, Überalterung und zunehmend auch Kirchenaustritte fordern ihren Tribut. Wo soll der Hebel angesetzt werden?

Weder: Es gibt keinen einfachen Hebel, um hier etwas entscheidend verändern zu können. Gesamtgesellschaftliche Entwicklungen können wir nur wenig beeinflussen. Wir verzeichnen zudem ein Abblättern an den Rändern, auf welches wir kaum Einfluss haben. Es gibt aber auch (Wieder-)Eintritte. Unser Ansatz ist klar: An der Qualität der Programme und Angebote müssen wir arbeiten. Das wirkt sich längerfristig positiv aus. Wir haben uns in der Arbeit geöffnet und streben eine breite und gleichzeitig differenzierte Ansprache der Menschen an. Beispiele sind neue Angebote für Familien oder Menschen ab Alter 55.

Die Kirche hat einen grossen Vorteil, den sie offensichtlich nicht genügend nutzen kann: Kinder kommen während Jahren in den Unterricht. Warum gelingt es nicht, diese nach Schulaustritt und Konfirmation zu halten?

Weder: Es gibt seit den 60er-Jahren eine Krise in der Jugendarbeit. Städte und Agglomerationen können dieser professionelle Jugendarbeiter entgegenstellen. Das ist in ländlichen Gebieten mit kleinen Kirchgemeinden kaum möglich. Ein besonderes Problem sind die jungen Erwachsenen. Wir können zwar unser kantonalkirchliches «Netzwerk junge Erwachsene» mit seiner neuen Arbeitsstelle und innovative Gottesdienstformen anbieten. Das hat aber eine bloss punktuelle Wirkung und spricht vorwiegend aktive und zum Engagement bereite junge Leute an – konsumorientierte sind damit schwer zu motivieren. Dazu kommt, dass der «Wettbewerb» um die Jungen gross ist: Kommerzielle Angebote, Parteien und Vereine buhlen um sie. Eine neue Stossrichtung geht deshalb in Richtung Familienkirche. Sie schafft einen neuen Einstiegspunkt und kommt den Bedürfnissen junger Familien und ihrer Kinder entgegen.

Zum Fehlen der Jungen kommen Austritte von Mitgliedern. Ohne zu dramatisieren, sind diese ein Problem, weil die Kirche damit nicht nur Mitglieder, sondern auch Steuerzahler verliert. Ein Teufelskreis – immer weniger Mitglieder, immer weniger, denen die Kosten aufgebürdet sind?

Weder: In den vergangenen beiden Jahrzehnten mussten die Steuerfüsse im Durchschnitt nicht erhöht werden, weil die zunehmende Steuerkraft der verbliebenen Mitglieder allfällige Verluste auszugleichen vermochte. In kleinen Gemeinden zeigt sich der Mitgliederschwund allerdings besonders schmerzhaft. Sie sind stark auf den Finanzausgleich angewiesen. Dieser finanziert bis zu 85 Prozent der Kosten in den kleinsten Kirchgemeinden.

Kann diese Finanzierung von aussen längerfristig Erfolg haben?

Weder: Nein. Das ist längerfristig nicht durchzuhalten. Nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern auch wegen der beschränkten programmlichen Möglichkeiten in diesen kleinen, zunehmend überalterten Kirchgemeinden.

Was ist die Alternative?

Weder: Da bringen uns nur Strukturveränderungen weiter: Der Zusammenschluss kleiner Gemeinden zu regionalen Kirchgemeinden. Wir müssen die Anreize im Finanzausgleich so verändern, dass Zusammenschlüsse belohnt werden. Heute sind die Anreize auf die Erhaltung der Selbständigkeit ausgerichtet. Zudem wird die Kantonalkirche personelle Ressourcen zur Verfügung stellen müssen, damit wir betroffenen Gemeinden bei Zusammenschlüssen Hilfe und Unterstützung anbieten können. Wir müssen jetzt handeln, damit wir zukunftsfähig werden.

Sehen Sie keine Probleme auftauchen, wenn Pfarrerin oder Pfarrer nicht mehr im Dorf wohnen?

Weder: In der Gemeindearbeit ist die persönliche Beziehung und langfristige Begleitung der Menschen ganz wichtig. Voll- und teilzeitliche Mitarbeitende müssen deshalb auch dezentral in den Dörfern wohnen und dort in das soziale Leben eingebettet bleiben. Ihre persönlichen Stärken werden durch die Zusammenarbeit in einem grösseren Gebiet wirksam.

Der Kirchenbesuch ist angesichts der Mitgliederzahlen gering. Ist das hinzunehmen oder hat die reformierte Kirche Rezepte dagegen?

Weder: Der Kirchenbesuch hat sich gewandelt. Der regelmässige Besucher des Sonntagsgottesdienstes ist selten geworden. Dagegen hat der punktuelle Besuch von Spezialgottesdiensten zum Teil stark zugelegt. Die Menschen bevorzugen heute oft zielgruppenorientierte Angebote und innovative Programme. Beispielsweise mit besonderem thematischem Inhalt oder anderer Musik – Stichwort: Populäre Musik statt klassischer Orgel.

Und eine ketzerische Frage: Könnte es auch sein, dass Kirchen zu pfarrlastig arbeiten?

Weder: Das ist keine ketzerische Frage. Und sie wird zu recht gestellt. Wir haben gute Beispiele für neue Angebote, die gemeinsam mit vielen freiwilligen Mitarbeitenden gestaltet werden. Mit solchem partizipativem Vorgehen haben mehrere Kirchgemeinden Erfolg. Wichtig bleibt aber nach wie vor auch das Gottesdienst-Angebot traditioneller Art, das eine fundierte Bibelauslegung und interessante Denkanstösse vermittelt.

Der Visitationsbericht listet Stärken und Chancen ebenso auf wie Schwächen und Bedrohungen, und er macht Handlungsvorschläge. Was wird zuerst angepackt bei der Umsetzung der Erkenntnisse?

Weder: Der Bericht ist eine Synthese der Aussagen der Verantwortlichen der Kirchgemeinden. Den Entscheid fällt die Synode. Der Kirchenrat – eigentlich die Regierung der Kirche – will auf dem durch den Bericht bestätigten Weg weiterfahren. Das bedeutet: Die Programmarbeit weiter stärken sowohl qualitativ als auch in der Vielfalt der Angebote, und diese ergänzen durch neue, innovative Formen. Im strukturellen Bereich steht die Förderung regionaler Kirchgemeinden an – den Entscheid der Synode vorbehalten.

Der Visitationsbericht wird alle zehn Jahre erstellt. Wie wird die Kirche 2018 aussehen?

Weder: Ich hoffe, dass es eine lebendige, für die Menschen relevante Kirche ist. Sie wird kleiner sein, aber weiter nach dem Leitsatz arbeiten: «Nahe bei Gott – nahe bei den Menschen.» Die Kirche wird weiterhin menschliche und gesellschaftliche Relevanz anstreben.

Interview: Markus Löliger


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Kommentar

Zeichen der Zeit erkannt

«Vergälts Gott» – das war einmal. Heute muss sich auch die Kirche nach der Decke strecken, und diese wird bei schwindender Mitgliederzahl zwangsläufig kleiner. Die reformierte Kirche belässt es nicht beim Beten und Jammern. Sie hat die Zeichen der Zeit erkannt und ihr Handeln darauf abgestimmt. Sie bietet neue Gottesdienst-Formen und innovative Programme an, ohne die klassischen Angebote einer reformierten Kirche zu vernachlässigen. Wer auf Orgeltöne pfeift, findet Popmusik und Gospel als Alternative sowie Gottesdienste, die auf lange, schwere Predigten verzichten. Wem das alles zu laut ist, der findet auch die leise Kirche, wo ihm ein gescheiter Kopf die Bibel auslegt und zu Denkanstössen verhilft. Der zunehmende Besuch von besonderen Angeboten zeigt, dass die Kirche auf einem guten Weg ist. Dieser wird aber nicht verhindern können, dass die Kirche kleiner wird, mit weniger Mitgliedern und weniger Geld auskommen muss. Das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen.

Indirekt ist der neue Weg auch eine Antwort an jenen St. Galler Ökonomieprofessor, der die Freikirchen zum Vorbild erklären wollte und dabei übersah, dass eine Landeskirche kein Fan-Club sein kann, sondern breite Aufgaben wahrzunehmen hat. Es ist wie beim Turnverein und dessen Trampolingruppe. Es braucht beide. Markus Löliger (m.loeliger@tagblatt.ch)


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Auf dem richtigen Weg

Diesen Schluss zieht der Kirchenrat der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen in seinem jüngsten Bericht über das Befinden der 55 Kirchgemeinden und deren Arbeit. Dieser Visitationsbericht zeigt eine ungeschminkte Innensicht der Kirche – in der Form einer Auslegeordnung und einer Liste von Handlungsvorschlägen.

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Kirchliche Auslegeordnung

Der jüngste Visitationsbericht zeigt, wo die Kirche steht und wo sie hingeht

Oberstes Ziel der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen ist es, «nahe bei den Menschen» zu sein. Regelmässig wird überprüft, wie gut dieser Leitsatz im Alltag umgesetzt wird.

Alle zehn Jahre macht sich der Kirchenrat – die Regierung der Landeskirche im Kanton – auf, alle 55 Kirchgemeinden zu besuchen. Das Resultat dieser Gespräche sowie weitere Erhebungen und Analysen fliessen in den 180seitigen Visitationsbericht ein. Es ist eine aktuelle Auslegeordnung der reformierten Kirche von heute. Aus den umfangreichen Ergebnissen entwickelte der Kirchenrat Handlungsvorschläge für die Zukunft.

Gut positioniert

Die Kirche befinde sich in «einer Position relativer Stärke», heisst das Grundfazit. Mit der Programmarbeit ist der Kirchenrat zufrieden: Das erfolgreiche Wirken zeige sich beispielsweise in neuen Formen des Gottesdienstes, verstärkten Angeboten für Eltern und Kinder, in vertiefter ökumenischer Zusammenarbeit und sozialem Engagement sowie der stärkeren Einbindung jüngerer Frauen und Männer.

Dunkle Wolken ziehen auf

Der Blick in die Zukunft zeige aber auch dunkle Wolken am Horizont, hält die Kantonalkirche nüchtern fest. Dazu zählen die Überalterung, der schleichende Mitgliederschwund und die starken Veränderungen in der Gesellschaft, die Auswirkungen auf das Kirchenleben nach sich ziehen.

2006 gehörten 117 429 Personen der reformierten Kirche an. Das sind 1600 weniger als noch 1970. Die Zahlen zeigen: Jährlich kehren 0,6 Prozent der Mitglieder der Kirche den Rücken und treten aus. Dazu kommt ein Verlust von weiteren 0,2 Prozent durch die demographische Entwicklung und den Rückgang der Geburtenrate.

Entsprechend stark verringert haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten die Zahlen der Taufen und Heiraten. Getauft wurden 1990 insgesamt 1392 Kinder, 2006 waren es noch 815. Bei den kirchlichen Trauungen sieht es ähnlich aus. Zum einen gehört die Hochzeit nicht mehr zwingend zu einer Partnerschaft, und in konfessionellen Mischehen ist eine kirchliche Trauung nicht mehr selbstverständlich.

Gemeindegrösse entscheidet

Je nach Kirchgemeindegrösse reagiert die Kirche unterschiedlich auf zeitgemässe Forderungen und drohende Gefahren. Grössere Kirchgemeinden profilieren sich und entwickeln ein breites, zielgruppenorientiertes Programmangebot. Sie betonen Gottesdienst und Musik, die Arbeit mit Jugendlichen, Familien und gesellschaftlichen Themen und erleben sich als lebendig. Kleine Kirchgemeinden im ländlichen Raum verfügen über eine deutlich höhere Pfarrdichte. Sie pflegen Gemeinschaft, Tradition und klassische Kirchgemeindearbeit. Die Begrenztheit ihrer programmlichen Möglichkeiten und die finanzielle Abhängigkeit von Finanzausgleichsleistungen machten sie aber verletzlich, heisst es im Visitationsbericht wörtlich. Damit weist dieser auf eine weitere Gefahr hin: Die Kirche wird nicht nur kleiner, es wird auch weniger Geld zur Verfügung stehen.

Der Visitationsbericht kann kostenlos bei der Kirchenratskanzlei der reformierten Kirche bezogen werden: 071 227 05 00, kanzlei@ref-sg.ch

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Interview: Markus Löliger, St. Galler Tagblatt

 

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www.weder.ch last updated: 13.10.18
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Interview

Kommentar

Auf dem richtigen Weg

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